Corona-Tagebuch

Was mich zum Schreiben bewegt
Wir haben in diesen Tagen und vielleicht noch einige Zeit länger mit den vorgegebenen Einschränkungen zu leben, müssen uns an ungewohnte Dinge halten, aufmerksam dafür werden, was wir tun.

 

Halten wir also inne und werden gewahr, was diese Situation mit uns macht.
Aktuell taucht die Frage auf, was ich dieser Situation abgewinnen und welche neuen Möglichkeiten sie mir bieten kann. Ich möchte mich ja weiter bewegen, den Kopf weiter frei haben zum Denken. Spüren was anders ist, meine Empfindung dafür schärfen.
Es ist Frühling geworden, die Natur erwacht. Das hat mich beim Gehen, beim Atmen und beim Schauen begleitet. Beim Gehen denkst es sich so schön, und was mir auf meinen täglichen Wald-Walking-Runden zugefallen ist, schreibe ich hier nieder.
So ist eine Art Tagebuch entstanden.

 

Mitte März 2020    

Die Mitte finden

In diesen Tagen ist es für uns alle wichtig, unsere Mitte immer wieder und jeden Tag zu finden.
Meine eigene und zentrale Frage dazu ist, in welchen Situationen mir das gelingen kann.
Ich kann mich auf die Matte legen und eine Feldenkrais-Lektion machen.
Es ist weiter möglich, die Nischen, die Momente im Alltag zu entdecken und die eigenen Ressourcen anzuzapfen
Das kann eine ganz kleine Zeit sein.

Innehalten – stehenbleiben warten atmen.

Zähle 21 – 22 – 23 und schau, was auftaucht.
Tauchen Bilder auf, die mir Stimmigkeit für diesen Moment bringen?
Gibt es Gefühle, die meinen Horizont erweitern?
Welche Empfindung für meinen Körper habe ich in den aktuellen drei Sekunden der Gegenwart?
Was bedeutet die Atempause?

 

Möchte ich etwas aufschreiben, etwas zeichnen?
Wir müssen Abstand zu den Mitmenschen halten. Tun wir es dringend und finden einfache Wege für Kommunikation.

Ein Lächeln bei jeder Begegnung auf der Strasse – ein Gruss – der Wunsch gesund zu bleiben – auch unausgesprochen.

 

 

Ende März 2020    

Freiheit in der Einschränkung

Ein anderes vordergründiges Thema ist dasjenige der Einschränkung.
Wir sind aufgefordert, zuhause in den eigenen viel zitierten vier Wänden zu bleiben.
Die Gewohnheit, uns frei zu bewegen, dorthin zu gehen, wo uns die Lust und die Notwendigkeit hinziehen, ist jetzt oft nicht möglich und auch nicht angesagt.

Und da entsteht eine Art Überlebens-Strategie.
Wir können Variationen finden, Ausweichmöglichkeiten für jenes, was wir nicht so wie gewohnt machen können. Sie sind zu entdecken.
Und das beeinflusst nicht nur unser Tun, sondern auch unsere Empfindung und unsere Gefühle.

Dazu ein Beispiel aus der Feldenkrais-Arbeit:
In manch einer Stunde kann eine unangenehme Situation auftauchen, etwas das uns Mühe macht. Eine Position, die uns nicht behagt, ein unangenehmes Gefühl von Fremdheit. Und wir reagieren erst mit Naserümpfen. Jedoch entwickeln wir in der Stunde die Fähigkeit, uns auf die Schwierigkeiten einzulassen, Variationen zu finden, die uns aus der Krise herausführen – und stellen am Schluss mit Staunen fest, was sich verändert hat.

Und dies ganz alltäglich und etwas einfacher ausgedrückt – zum Entdecken und Weiterentwickeln gedacht:

  • Einen anderen Weg auf unseren Spaziergängen nehmen.
  • Etwas tun, was wir doch schon so lange tun wollten.
  • Uns freuen und staunen über die kleinen Dinge, die passieren.
  • Ziele zu haben, was nach der Einschränkung sein kann.

Zu erlauben innezuhalten, Pause zu machen, ist die Grundvoraussetzung für neue Entdeckungen, für Kreativität, für Erfindungen. Ich wünsche uns allen, Freiheit in der Einschränkung zu entdecken.


Mitte April 2020    

Warten – Der Zauber des Augenblicks

Erneut bekommen wir die Aufgabe zu warten.
Wir sollen lernen, mit der Ungewissheit umzugehen.
Eine grosse, ungewohnte Aufgabe, eben weil wir nicht planen können.
Also: verlieren wir die Balance nicht!

In jeder Feldenkrais-Stunde haben wir die Möglichkeit, uns auf angenehme, spielerische Weise und in unserem eigenen Tempo auf den Zauber des Augenblicks einzulassen.
Wir wissen zu Beginn das Ziel nicht – wir begeben uns auf den Weg im Vertrauen, dass etwas mit uns passieren wird.
Dabei haben wir die einmalige Gelegenheit, es selber herauszufinden – wir können schöpferisch sein.
Ein beglückendes Spiel!

Kleine Schritte sind es, die uns dem Ziel näherbringen.
Am Schluss entsteht ein Ganzes und meistens ist es etwas, das wir zuvor nicht gewusst haben.

Im Alltag kann das sein:

  • Warten – sich vorstellen, was dieser gegenwärtige Moment bedeuten könnte – und schauen, welche neuen Perspektiven sich zeigen.
  • Mein Gehen beobachten
  • Mein Sitzen am Schreibtisch, am Küchentisch spüren – gibt es etwas, was mein Sitzen angenehmer machten könnte?
  • Im Bett liegen und meinem Atmen zuhören, seinen Weg in den Körper und wieder heraus verfolgen.
  • Warten – den Raum um mich herum spüren und hören
  • Und … und … und … – und vielleicht Nichts tun!

Ich wünsche uns die Verzauberung in der Gegenwart und viel Freude mit den Lektionen.



und zum Schluss noch dies:
Bist du sicher, dass die Hummel, die gerade vorbeifliegt, keine Biene im Pelzmantel ist?