«Einen Grossteil der Tiefenwahrnehmung (Propriozeption) unseres Körpers erreicht das Gehirn durch sensorisches Feedback des Bodens, durch den Kontakt der Füsse mit dem Boden.»
Wim Luijpers, «Die Heilkraft des Gehens»
Ich nehme den Gedanken von Wim Luijpers zum sensorischen Feedback über die Füsse aus dem vorigen Zitat auf, und vertiefe in der Folge das Thema.
Ich blicke zurück auf die Zeitspanne in der menschlichen Entwicklung, wo die Aufrichtung aus der horizontalen zur vertikalen Daseinsform geschah. Auch in die Zeit, als das Baby aus der horizontalen Lage über die Ebene des Sitzens in die Aufrichtung über die Füsse kam, und damit zum Kleinkind wurde.
Die Sensorik geschah hier erst einmal über eine relativ grosse Körperfläche beim Experimentieren am Boden. Auf den Füssen angekommen, war das Stehen erst wackelig, unkoordiniert; verlockend manchmal eher das Gehen, wenn nicht das Rennen, wie das manche Kinder als Erstes tun.
Stehen ist schwieriger, verlangt es doch ein feineres Spiel der Kräfte und eine verfeinerte Koordination dessen, was auf dem Boden erprobt wurde. Die Experimentierfläche als Grundfläche für das Aufgerichtet sein im Stehen ist auf den Füssen kleiner.
Darüber hinaus: Aufgerichtet sein über den Füssen heisst auch, aufgerichtet sein über jedem Fuss. Das klingt kompliziert und ist es auch!
So gehört Stehen auch später in unserem Alltag in den meisten Fällen nicht zu unserer bevorzugten Daseinsform; vielfach ist das Stehen, besonders das lange Stehen, assoziiert mit Mühsal und Schmerzen.
Es sind nicht nur unsere Füsse mit ihren 28 Knochen und 33 Gelenken, die über viele Bänder und Muskeln mit starken Sehnen für Beweglichkeit sorgen. Über diese unglaubliche Vielfalt und Wendigkeit verbinden wir uns mit unserem Körper und mit unseren Sinnen. Über Beine, Hüfte, Becken geht die Kraft nach oben zur Wirbelsäule, weiter zum Kopf und zu unserem Gehirn, zu Brustkorb, Armen und Händen – umfasst so unser ganzes Selbst.
Über den Hautkontakt unserer Füsse spüren wir die Beschaffenheit unsere Schuhsohlen oder des Bodens; besonders unmittelbar dann, wenn wir barfuss sind. Wir fühlen einen glatten Untergrund anders als Rasen oder einen steinigen Weg. Diese Rückmeldung unseres Körpers zeigt, wie wir unser Stehen spüren; unser ganzes Selbst antwortet auf diesen Kontakt.
Diese «Antwort» geschieht einerseits im vielfältigen Spiel der weiter oben erwähnten Knochen und Gelenke, Bänder und Sehnen und darüber hinaus in der Propriozeption, der Tiefenwahrnehmung.
Um sicher, angenehm und auch über eine lange Zeit angenehm zu stehen, benützen wir das Spiel der Balance in jedem Fuss und zwischen den Füssen.
Vielleicht entsteht im entspannten Stehen ein wohltuendes Gefühl von gleichzeitiger Ruhe und Bewegtheit, die angenehme Empfindung von Sicherheit, Wohlbefinden und auch davon, angekommen zu sein und bleiben zu können.
März / April 2026
